Geschichten über unsere Weißen Schäferhunde

Artgerechte Hundehaltung?!

Gaby von Döllen

Hundehaltung auf dem Lande: Die Wiesen und Felder sind fest in landwirtschaftlicher Hand, in den Wäldern müssen Reh, Hirsch und Hase geschont werden, damit die Jägerei denn auch Freude macht. Und der Hundehalter sieht sich plötzlich Anfeindungen ausgesetzt, mit denen er nicht in seinen kühnsten Träumen gerechnet hat.

Als wir noch in Bremen wohnten, kam die Anschaffung eines Hundes aus zwei Gründen nicht in Frage. Zum einen waren wir beide berufstätig, zum anderen wohnten wir in einer Gegend, die - wie in Großstädten üblich - dicht bebaut war und in der wir einem Hund niemals den notwendigen Auslauf hätten bieten können. Einige Jahre später zogen wir in eine ländliche Gegend, in eine Kreisstadt. Einige hundert Meter hinter dem Haus begann ein weitläufiges Gebiet aus Wiesen und Feldern. Diese Tatsache liess uns darüber hinweg sehen, dass wir keinen Garten hatten. Als sich unsere Tochter auf der Welt war, gehörte auch unsere Weiße Schäferhündin Fiala bereits zu unserer Familie.

Wir dachten, wir könnten den Hund nun ohne Leine über die Wiesen toben lassen. Mit anderen Artgenossen. Die Vision eines glücklichen Hundelebens, das wir unserer Hündin bieten wollten. Sehr schnell wurden wir eines Besseren belehrt. Unsere Hündin war erst wenige Monate alt, als ich im Frühjahr einem wütenden Landwirt gegenüber stand. Die Wiese, auf der ich mich mit Fiala befand (und deren Gatter offen stand), sollte ab morgen als Weidefläche für die Kühe genutzt werden, was mir einfiele, das Gras darauf niederzutrampeln. Staunend blickte ich nach unten. Es war noch recht früh im Jahr, das "hohe Gras" war gerade mal wenige Zentimeter hoch. Außerdem war mir nicht bekannt, dass Kühe nieder getretenes Gras nicht fressen. Als ich wagte, etwas darauf zu entgegnen, mußte ich mir den üblichen Spruch anhören "außerdem sch... der Hund darauf". (Seine Kühe scheinen stubenrein zu sein). Stinksauer marschierte ich nach Hause, war aber immer noch der Meinung, dass es sich hier um einen Einzelfall handelte. Man steht ja bisweilen mit dem linken Fuss auf.

Leider mussten wir feststellen, dass dem nicht so ist. Natürlich war uns klar, dass landwirtschaftliche Nutzflächen kein Spielplatz für Hunde sind. Und so wurde und wird Fiala grundsätzlich zurückgepfiffen, wenn Felder bestellt sind, wenn das Gras höher ist oder gerade gemäht ist. Damit reduziert sich die Fläche, die für Hunde nutzbar sind, schon erheblich. Wenn man dann davon ausgeht, dass man auf Wiesen, die eingezäunt und deren Gitter geschlossen ist, ebenso tabu sind, muss man schon suchen, um selbst in einer ländlichen Gegend einen Platz zum Spielen zu finden.

Die Einstellung der in unserer Strasse ansässigen Landwirte gegenüber unseren Hunden zeigte sich deutlich. Einer der Hofhunde streunte durch die gesamte Ortschaft und da niemand dabei war, hinterliess die Hündin ihre "Häufchen" in Vorgärten und eben dort, wo es ihr gefiel. Ideal für den Ruf der Hundehalter. Während der Hitze war sie auf dem Hof angekettet, als sie trotzdem einmal warf - Vater war ein ebenso frei herumstreunender Kampfhund, der diese Bezeichnung wirklich zu recht verdient, diverse Hunde wurden angegriffen, wenn sie am Grundstück vorbeigingen - verschwanden die Welpen nach einigen Wochen auf wunderbare Weise. 6 Wochen nach der Geburt war nur noch einer der Welpen auf dem Hof, der, der als Hofhund zukünftig dort sein Leben fristen sollte. Fortan hatten wir einen streunenden Hund mehr.

Der Hund auf dem zweiten Hof verbrachte sein Leben in einem Zwinger, wo er sich, wenn jemand auf der Strasse entlang ging (was häufig vorkam), die Seele aus dem Leib bellte. Ich habe den Hund in den fünf Jahren nur selten frei herum laufen sehen. Als wir den Hofbesitzern auf einem Spaziergang begegneten und unsere Hündin es wagte, sich dem Kinderwagen zu nähern, wurde sie recht aggressiv zurecht gewiesen. Ein Hund, der sein Leben als Familienmitglied verbringt, scheint undenkbar zu sein. Die Einstellung zum "Nutztier" wurde sehr deutlich.

Dem Jagdpächter hatten wir es zu verdanken, dass unsere Hündin in den folgenden Jahren Auslauf bekam, während der Schonzeit kniff er sämtliche Augen zu, wenn er unsere Hündin durch die Gegend toben sah.

Dann kam unser Umzug Anfang 1999. Die Gegend ist noch ländlicher, es ist ein kleines Nest. Rundherum nur Wiesen und Wälder. Anfangs fiel uns auf, dass es anscheinend in jedem Haus einen Hund gibt, man diese aber recht selten auf der Strasse sieht. Und wenn, dann angeleint.

Im Sommer wurden wir bereits von einer Wiese gescheucht. Mit der Begründung, unsere Hunde würden darauf sch.... und das Heu solle noch verfüttert werden. Die Wiese war gerade abgemäht und das Heu eingefahren. Es würde einige Wochen dauern, bis sie für den zweiten Schnitt nachgewachsen war. Am nächsten Tag überholte uns der "Güllebomber" des gleichen Landwirtes und kippte seine gesamte Ladung darüber. Wo ist hier der Unterschied, ob die Exkremente der Kühe, Pferde und/oder Schweine in rauhen Mengen darauf gekippt wird oder ob mein Hund sein Häuflein dort hinterläßt???? (Abgesehen davon, dass er es nicht tut, da er mit seinen Geschäften grundsätzlich schon fertig ist, wenn wir dort ankommen).

Im Frühjahr, wenn die Wiesen noch nicht ganz aufgetaut sind und die Gülle anscheinend weg muss, wird ausgefahren, was das Zeug hält. Die stinkende Kloake steht teilweise in Pfützen auf den Wiesen. Und nicht nur auf den Wiesen. Was auf den Strassen zurückbleibt, sei es beim Ausbringen der Gülle, sei es beim Umtreiben der Kühe, dürfen wir nach jedem Spaziergang von den Rädern unseres Buggys oder von den Schuhen unserer Kinder kratzen. Warum regt sich darüber niemand auf? Wenn ich an einer Wiesenausfahrt auf einer Landstrasse als Folge einer Bremsung ins Rutschen komme - bin ich auch noch selber schuld?!

Es sind so viele Kleinigkeiten - unverständlich, warum wir mit unseren Hunden zum Beispiel abgeerntete Maisfelder meiden sollen. Mit den Strunken und liegen gebliebenen Maiskolben läßt sich herrlich spielen. Ewiger Grund: unser Hund verunreinigt das Feld, die Wiese usw. Selbst das Versprechen, darauf zu achten, dass dieses nicht passiert, wird nicht akzeptiert. Antwort "das sagt jeder".

Das Problem an der Sache: die Landwirte sind leider im Recht. Ihnen gehören die Wiesen, also können sie uns davon jagen. Nur, wenn ich mit meinen Hunden die abgemähten und nicht genutzten Wiesen und auch die abgeernteten Felder nicht mehr benutzen darf, (wobei die Nutzung für uns wegen des Buggys sowieso schon eingeschränkt ist), was bleibt mir?

Die Wälder, davon gibt es auch noch einige. Am Eingang steht ein großes Schild: Schonzeit vom 31.03.-15.07.. In dieser Zeit sind Hunde konsequent an der Leine zu führen. Bußgeld: bis zu 1000,-- DM. In der übrigen Zeit dürfen sich die Hunde - theoretisch - ohne Leine frei bewegen. Solange sie offensichtlich unter dem Kommando des Herrchens stehen. Auslegung der Jägerschaft unserer Gemeinde: wenn der Hund weiter als 5 m vom Herrchen entfernt ist, ist dieser nicht mehr unter Kontrolle. Zum Abschuss freigegeben. Man sehnt sich nach dem Jagdpächter mit den zugekniffenen Augen zurück, mit dem man ein fröhliches Pläuschchen halten konnte.

Nun haben wir - zum Entsetzen einiger Mitbürger - zwei Hunde. Und diese beiden flitzen los, sobald sie abgeleint werden. Sie kommen beide auf unseren Ruf hin zurück. Nur sollen sie ja toben und spielen. Sie halten sich nicht daran, was der Landwirt gesagt hat (Halt! Nicht auf diese Wiese!) Sie halten sich nicht daran, was den Jägern gefällt (In den Wäldern nicht weiter als 5 m entfernen). Sie toben herum und freuen sich ihres Lebens - ein tolles Bild, eine Mischung aus Kraft, Lebensfreude und Gemeinsamkeit.

Wenn ich ihnen das nicht mehr bieten darf - selbst auf dem weitläufigen platten Land nicht - ist die artgerechte Hundehaltung dann überhaupt noch irgendwo möglich????

Gaby von Döllen